Als in Crimmitschau die Millionäre wohnten
Um 1900 rauchten hier tatsächlich die Schornsteine von Dutzenden Spinnereien, Webereien und Tuchfabriken – 1933 zählte man über 80 Textilbetriebe. Der Aufstieg war rasant: Lebten um 1800 noch etwa 1.700 Menschen in der Stadt, waren es vor dem Ersten Weltkrieg rund 29.000. Und der Wohlstand ließ sich sehen: Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Crimmitschau – gemessen an der Einwohnerzahl – die meisten Millionäre im gesamten Deutschen Reich. Die Fabrikanten bauten ihre prachtvollen Villen wohlweislich am Westberg, damit der Westwind den Rauch ihrer eigenen Schornsteine in die andere Richtung trug. Geschäftssinn und Pragmatismus – auch das ist sächsische Tradition.
Crimmitschau schrieb aber auch Sozialgeschichte: Der große Textilarbeiterstreik von 1903/04, bei dem Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter monatelang für den Zehnstundentag kämpften, machte die Stadt deutschlandweit bekannt und gilt bis heute als Meilenstein auf dem Weg zu fairen Arbeitsbedingungen – ein Kapitel Geschichte, das daran erinnert, dass wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Ausgleich zusammengehören. Genau dieser Gedanke lebt in der Sozialen Marktwirtschaft bis heute fort.
Wer diese Zeit hautnah erleben will, besucht die Tuchfabrik Gebr. Pfau: die größte fast vollständig erhaltene Volltuchfabrik Mitteleuropas, heute Teil des Sächsischen Industriemuseums. Hier fliegen bei Vorführungen noch die Webschiffchen und tanzen die Spindeln – Industriegeschichte zum Anfassen. Und das Schönste: Mit der 1837 gegründeten Firma Spengler & Fürst produziert bis heute eine Tuchfabrik in Crimmitschau. Die Tradition lebt.